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TRAMPELPFADE

Song des Monats

 

Etwas in mir möchte behaupten, ich war schon immer ein Kind der Gegensätze.  Warum, weiß ich nicht – noch nicht ganz, aber immerhin habe ich einen Verdacht und das ist besser als gar nichts.

Es gab Länder, wo was los war. Es gab Städte, wo so richtig was los war und es gab Thalheim – ein Kaff im tiefsten Osten der ehemaligen DDR. Damals, in meinem Geburtsjahr 1978, brachten wir es auf knappe 800 Einwohner – also gerade einmal die  Hälfte um heutzutage den Astra-Club in Berlin zu füllen – nur rockten in Thalheim weder Bands noch Bauern. Die Stimmung im Dorf war quasi das Pendant zum Astra-Club . Zu deutsch: Tote Hose. (Haha! Das erinnert mich gerade an eine kleine Anekdote von meinen Großvater Willi, aber dazu später. Ich komme drauf zurück. Versprochen.)

Thalheim war landschaftlich idyllisch gelegen, obwohl das Wort „idyllisch“ eine makabere Note inne hat, wenn man bedenkt, dass sich Thalheim inmitten einer (Achtung: langes Wort) Chemieindustrieproduktionsregion befand. Im Klartext: Hier wurden echte Chemiekeulen hergestellt. Schwefelsäure, Chlor, Salpetersäure, Aluminium, Kunststoff, Pflanzenschutzmittel, Insektenbekämpfungsmittel und Farben.

Frische Luft war damals so rar, wie heute Plastik-freie Meere. Ja, vielleicht konnte Thalheim nicht mit einem frischen Duft von grüner Natur rumprotzen, dafür aber mit einem kilometerweiten Blick über ein Flachland, wo man Sonntags schon sehen konnte, wer Mittwoch zum Mittag kommt. Ein Ort, welcher von einem süßlich, stickig-riechenden Duft geprägt und einer gelblich gefärbten Luft ummantelt wurde, letzteres aber nur bei Ostwind. Na, Gott sein Dank.

Bei Westwind konnten wir gefahrenfrei das Haus verlassen und ganz natürlich atmen. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. An schlimmen Ostwind-Tagen gab es dann aber Schulfrei und die Pflicht, alle Fenster geschlossen zu halten. So war das. Klingt spooki – war es auch. Teilweise.

Als die Zonenzeit 1989 ihrem „Auf Wiedersehen“ entgegenrannte, wurden für die armen Ost-Kinder aus der Chemieregion Bitterfeld/Wolfen, etwas ganz tolles ins Leben gerufen: „Drei Wochen ins Grüne“. Quasi, ein staatlich verordneter Zwangsurlaub. Was war das genau? Gute Frage. Nun ja, tatsächlich war es ein Erholungsurlaub für die Lungen, für die oberen /Schrägstrich/ unteren Atemwege, für die Haut und für die Augen. Und glauben Sie mir, das war auch nötig. Wobei der Mensch selbst in dieser Hinsicht ein Gewohnheitstier ist. Womit man aufwächst, lernt man zu leben. So einfach ist der auf dieser Ebene Mensch gestrickt.

Von der Luft mal ganz abgesehen, war Thalheim schon ein echt nettes Fleckchen Erde. Jeder kannte jeden und wenn wir Kids diesen Jemand nicht kannten, dann kannte dieser aber unsere Eltern oder umgekehrt. Hier blieb nichts ungetratscht und ungesehen. In Thalheim benötigte man keine Stasi (obwohl es die hier natürlich auch gab), denn es lag einem im Blut, andere zu beobachten. Was willste auch machen? Es gab ja keine Smartphones, keine Daily Soaps, keine Computerspiele, kein Westfernsehen und die 3 Kanäle, die es im Osten gab, hatten ab 22 Uhr Sendepause. Da haste also am Abend in der Klotze nix weiter als den „Schneesturm in Alaska“ sehen können. Übersetzt: Ein Krieselbild. Schwarz-weiße Punkte, die sich blitzschnell bewegten und somit einem „Schneesturm in Alaska“ ähnelten. Wobei ich ja keine Ahnung hatte, wie ein Schneesturm in Alaska aussah, im Osten wurde ja nur Richtung Russland, also Richtung Osten geblickt. Wie sah denn ein Schneesturm in Alaska aus? Tsss…na wahrscheinlich eben genau so, wie das „Sendepausen-Bild“ im Ost-Fernsehen.

Jetzt bin ich abgeschwiffen. Passiert. Wo waren wir? Ach ja, Thalheim. Ein schöner Ort. Tatsächlich, wenn man an die Eigenschaften der Bewohner zurückdenkt. Weil wir im Osten ja nix hatten, hatten wir natürlich auch keinen Kapitalismus. Hier ging alles ganz menschlich zu. Es war friedlich. Herzlich und friedlich. Hier wurden Schilder wie „soziale Gleichheit“, „Hilfsbereitschaft“,  „Freundlichkeit“ und „Vertrauen“ hochgehalten und aus voller Überzeugung gelebt. Wenn unsere Eltern mal keine Zeit hatten, uns zur Musikschule in die nächste Stadt zu fahren, dann übernahm das halt einer der vielen Nachbarn. Da nicht jeder Haushalt mit einem Telefon ausgestattet war und man, wie wir, Familie Müller, ganze 11 Jahre auf einen Telefonanschluss warten mussten, ging man eben zum Nachbar und fragte. Ganz persönlich. Auge in Auge. Inklusive einem festen Händedruck zur Begrüßung und dem internationalen Code für „Ich komme in Frieden“ – einem Lächeln. Dann wurde berichtet, gefragt und man bekam unmittelbar eine ehrliche Antwort. Eine Antwort mit der man was anfangen konnte. Heutzutage halten sich die Kleinen und die Grossen ja gerne Dinge offen und legen sich ungern fest. Es muss erst alles „abgecheckt“ werden. Terminpläne, andere Dates, den Veranstaltungskalender auf Facebook und und und.

Ich bin ein Freund der klaren Aussagen. Ein Freund der klaren Worte und mag es eher unkompliziert. Bringt irgendwie mehr, weil echter. Anyway, konnte der eine Nachbar nicht, ging man halt zum Nächsten. Fakt war: man kam immer an sein Ziel. Umsonst. Dankbar. All das auf ganz natürlicher Art und Weise: Wir halfen uns einfach gegenseitig.

Uns Kindern wurden auch sinnvolle Werte beigebracht, die man ein Leben lang leben und einsetzen kann, wofür ich meinen Eltern heute extrem dankbar bin. Wir wurden dazu erzogen eigenständig zu denken, hilfsbereit & freundlich zu handeln und unsere Meinung klar und deutlich, dennoch respektvoll zu äußern. Mein Vater war diesbezüglich echt hinterher. Von ihm habe ich viel gelernt und tue es noch. Es lag ihm damals sehr am Herzen, dass wir charakterstarke Menschen werden, die zu ihrem Wort stehen und den Tenor eines Gentlemen-Agreements kennen. Menschen, die für ihre Fehler einstehen und ihre Absichten stets selbstkritisch hinterfragen. Meine Mutter brachte die empathischen und emotionalen Erziehungsmethoden mit ein. Ihr war und ist es bis heute wichtig, dass wir ehrlich durchs Leben gehen. Ehrlich uns selbst und anderen gegenüber. Außerdem lernte sie uns die „BlickmitdemHerzen-Denkweise.“ „Schau dahinter“, sagte sie, „schau hinter das Verhalten des Anderen“. Ja, die Masken die wir tragen, sind eben nur Masken. Inzwischen bin ich geradezu unaufhaltsam am Dahinterblicken. Ich erfahre so viel mehr. Herzen öffnen sich. Menschlichkeit strömt mir entgegen. Schöne Herzen, kaputte Herzen, vernarbte Herzen. Alles erscheint klar und deutlich vor meinem Inneren Auge, wenn ich mir die Zeit nehme GENAU hinzusehen. Der Moment zählt. Ja, irgendwie lebten Mama und Papa mit einer rationalen/ emotionalen Rüstung. Sie trugen beides auch in sich. Sehen Sie, da fängt es schon an mit den Gegensätzen. Der Apfel fällt eben meist nicht weit vom Stamm.

Tatsächlich habe ich beides verinnerlicht. Die rationale und die emotionale Art, wobei ich aufrichtig sagen muss: nicht zu gleichen prozentualen Anteilen. Vielleicht eher 40/60… oder 30/70?  Naja, Fakt ist: meine emotionale Art ist stärker ausgeprägt. Das kann auch am Faktum „Frau“ liegen, wer weiß das schon so genau.

Ein Sprichwort, welches mein Vater bis heute gerne sagt, lautet:                                          „All zu viel zerreißt den Sack“ und inhaltlich können Sie das tatsächlich auf alles legen, womit Sie in Berührung kommen. Kleidung, Essen, Freunde, Alkohol, Fernsehen, Wasser, Taschengeld, Geschenke und Freiheiten. Versuchen Sie es einfach mal. So wurde ich erzogen. „All zu viel zerreißt den Sack.“

Wobei wir Kinder damals wirklich sehr viel Freiheit genossen. Freiheit und DDR in einem Satz zu verwenden ist zugegeben etwas wagemutig, aber Wagemut tut manchmal gut. Tatsache ist: unsere Eltern ließen uns gedeihen. Meist außerhalb ihres Blickfeldes.

Oft wussten Sie nicht wo wir uns genau herumtrieben, es interessierte sie auch nicht. Sie schenkten uns Vertrauen und ließen uns wachsen, sofern wir abends pünktlich um 18 Uhr, mit gewaschenen Händen am Abendbrottisch sassen. Natürlich stießen wir auf große, interessierte Ohren, wenn wir von dem einen oder anderen Abenteuer berichteten und ernteten oft liebevoll, lachende Münder über die vielen Fiaskos, die nicht ausblieben. Ohne Fiasko, kein Lernprozess. Uns wurde aber nicht nur zugelächelt, auch mahnende Finger wirbelten über den gedeckten Esstisch und ließen unsere Köpfe, manchmal samt Hals, in den Pullover zurückziehen. Wie Schildkröten, verstehen Sie? Die Eltern sprachen von Gefahren und Verantwortung, doch welches Kind kennt die Bedeutung des Wortes „Gefahr“ tatsächlich?

Die Gefahr von aufgeschürften Knien, Stürze von Bäumen ins hohe, ungemähte Gras oder die Gefahr von einem Gockel getreten zu werden, nahm man gerne in Kauf, denn insgeheim will jedes Kind der Gefahr begegnen und ihr trotzen. Mutig wollte ich damals sein. Warum, kann ich gar nicht genau sagen, aber Mut sprach ständig aus meinen Handlungen. Und obwohl ich inzwischen weiß, dass nicht jeder Sturz in einer hohen, ungemähten Wiese endet, hat sich das bis heute nicht geändert. Ich gehe gerne Risiken ein, sofern sie nicht, wie Sebastian Fitzek einst schrieb: „Meine Gesundheit, meine Freiheit oder die Gesundheit eines anderen in Gefahr bringt.“

Eine gute Eselsbrücke, welche auch im Erwachsenen-Dasein Anwendung finden darf. Doch zurück zum gedeckten Abendbrottisch.

Hier geht`s weiter ….

One comment on “Das Buch – Meine Kindheit / Teil 1

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